Warum wir es uns nicht leisten können, ESG weiter zu ignorieren
1. Einleitung: Nachhaltigkeit ist kein Imageprojekt
Nachhaltigkeit wird häufig als Marketingthema behandelt. Unternehmen veröffentlichen Hochglanzberichte, Politik diskutiert regulatorische Anpassungen, Investoren sprechen von „ESG-Fokus“ und dennoch bleibt Nachhaltigkeits-Reporting in vielen Organisationen ein Randthema. ESG steht für Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Am 3. April 2025 hat das Europäische Parlament mit überwältigender Mehrheit für die Verschiebung der «EU Corporate Sustainability reporting Directive (CSRD)» gestimmt. Dies aufgrund von Druck aus der Wirtschaft und aufgrund von unübersehbarem Klärungs- und Anpassungsbedarf.
Dabei stehen wir vor massiven Herausforderungen. Fünf von zehn globalen Megarisiken befassen sich mit Themen aus der Nachhaltigkeit, zwei davon betreffen die Umwelt und drei die Gesellschaft.
Bei der Umwelt stehen Extremwetterereignisse und kritische Veränderungen der Erdsysteme (Meeresspiegel, CO2 durch tauenden Permafrost) im Fokus und bei den gesellschaftlichen Themen Menschenrechte, Ungleichheit sowie gesellschaftliche Polarisierung.
Auch hier, wie bei der finanziellen Berichterstattung, wird transparente, verpflichtende ESG-Berichterstattung zentral. Die ESG-Berichterstattung ist kein Bürokratiemonster, sondern sie muss sich in Zukunft zu einem wichtigen wirtschaftlichen Steuerungsinstrument entwickeln.
2. Warum Nachhaltigkeits-Reporting zentral ist
Transparenz schafft Verantwortung! Ohne Messbarkeit gibt es keine Steuerung und ohne Offenlegung fehlt die Vergleichbarkeit. Und wenn die Vergleichbarkeit fehlt, dann entsteht daraus auch kein Druck, irgendetwas zu tun oder zu ändern.
Die Schweiz hat 2015 die Uno-Agenda 2030 mit den 17 Nachhaltigkeitszielen (SDGs) verabschiedet. Dazu gehören unter anderem:
- Klimaschutz
- Nachhaltiger Konsum und Produktion
- Sauberes Wasser
- Biodiversität
- Soziale Gerechtigkeit
- Nachhaltige Wirtschaft
Und im Rahmen des Pariser Klimaabkommens hat sich die Schweiz verpflichtet, die Treibhausgasemissionen bis ins Jahr 2030 um mindestens 50% gegenüber 1990 zu senken.
Laut unabhängigen Analysen (z. Bsp. Climate Action Tracker) hat die Schweiz zwar ein Ziel, die Emissionen bis 2030 um 50% zu senken, aber keinen festgelegten inländischen Anteil. Schätzungen gehen davon aus, dass etwas mehr als 30% erreichbar sein werden, der Rest aber über Klimaschutzprojekte im Ausland (CO2-Zertifikate) erreicht werden müssen.
Unabhängig von den EU-Regularien und der abwartenden Haltung der Schweizer Standardsetzer, ist die Messung von relevanten Umweltkennzahlen und gesellschaftlichen Umständen in den Unternehmen wichtig und es kann in naher Zukunft ein klarer Wettbewerbsvorteil darstellen. ESG-Reporting zwingt Unternehmen dazu:
- Emissionen zu quantifizieren
- Lieferketten kritisch zu prüfen
- Governance-Strukturen offenzulegen
- Soziale Auswirkungen messbar zu machen
ESG ist kein moralisches Add-on, sondern Risikomanagement. In den meisten multinationalen Unternehmen stehen Risiken zu Umwelt, Soziales und Unternehmensführung auf der Risikomatrix, trotzdem leistet sich manch ein Unternehmen den Luxus, diese Risiken aufgrund fehlender Rechtssicherheit und fehlender verbindlicher Regulatorien zurückzustellen. Denn oft dominiert kurzfristiges Denken und dies sowohl auf Unternehmens- als auch auf Investorenseite. Kapitalmärkte reagieren verständlicherweise stärker auf Halbjahres- und Jahresergebnisse als auf langfristige Resilienz. Investitionen in Nachhaltigkeit sind daher oftmals unpopulär.
Dazu kommt, das in vielen Ländern ESG-Vorgaben zunehmend politisiert werden. Statt faktenbasierter Diskussion entsteht ideologische Polarisierung. Aus eigener Erfahrung als überzeugter Vegetarier und fast-Veganer stelle ich das selbst bei mir aber auch in meinem Umfeld fest. Die Toleranz fehlt und oftmals das Interesse.
Dabei geht es nicht um Ideologie, sondern um
- Risiko,
- Zukunftsfähigkeit,
- Kapitalallokation und
- Generationengerechtigkeit
3. Warum verpflichtende ESG-Richtlinien notwendig sind
Freiwilligkeit reicht nicht aus. Solange Nachhaltigkeitsberichte optional sind oder nur oberflächlich geprüft werden, Entscheidungen und Initiativen zurückgestellt werden, entstehen Wettbewerbsverzerrungen, investieren nachhaltige Unternehmen relativ mehr, sowie profitieren Trittbrettfahrer.
Verbindliche Standards hingegen schaffen Vergleichbarkeit, Rechtssicherheit und Investitionssicherheit. ESG darf kein Reputationsprojekt bleiben, es muss integraler Bestandteil der Unternehmenssteuerung werden. Es braucht lange, bis Unternehmen bereit sind und Veränderungen umgesetzt haben, weswegen es umso dringlicher ist, Polemik aussenvor zu lassen, sich endlich zu bewegen und sich stetig zu verbessern, Ziele zu setzen und sich ernsthaft mit Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen.
Denn eines ist sicher, Extremwetter, Ressourcenengpässe und soziale Konflikte werden die jetzigen Kosten für die Umsetzung verlässlicher Informationserhebung bei weitem übertreffen. Und, Unternehmen, die ESG trotz fehlender Regulatorien ernst nehmen, verschaffen sich jetzt einen Wettbewerbsvorteil und werden mittelfristig besseren Zugang zu Kapital haben, sie reduzieren langfristige Risiken, stärken ihre Position und ihre Reputation und ziehen Talente an.
Wer ESG als „Trend“ abtut, verkennt die ökonomische Realität des 21. Jahrhunderts.
Oder pointierter:
Unternehmen sollten nicht nur ermutigt, sondern verpflichtet werden, nachhaltig zu wirtschaften – weil die Kosten der Untätigkeit von der gesamten Gesellschaft getragen werden.
4. Fazit
ESG-Reporting ist kein Aktivismus und darf nicht polarisieren. Es ist moderne Unternehmenssteuerung. Aber ohne verpflichtende Transparenz bleiben Nachhaltigkeitsversprechen unverbindlich. Mit klaren Standards entsteht Druck, Kapital, Innovation und Fortschritt.
Die Frage ist nicht, ob wir ESG-Berichterstattung brauchen. Die Frage ist, ob wir es uns leisten können, sie weiter aussenvor zu lassen.
